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Die Psychotherapeutin

Im Interview

Die Psychotherapeutin

Anna spricht über die Strapazen der Psychotherapieausbildung und die Gründung ihrer eigenen Praxis. Sie erläutert, warum sie mit ihrer Praxis ein Gegenmodell zur Ausbeutung von Psychotherapeut:innen anstrebt.

About

Über Anna Lübberding

„Ich habe ein geringes Sicherheitsbedürfnis“, sagt Anna lächelnd und trinkt einen Schluck Tee im Garten ihrer eigenen psychotherapeutischen Praxis in Hamburg-Uhlenhorst. Im September 2021 hat die Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie sich selbstständig gemacht und innerhalb eines knappen Jahres ohne Vorkenntnisse ein Team von 17 Mitarbeitenden an mittlerweile zwei Standorten aufgebaut. Doch es ist mehr als ein geringes Sicherheitsbedürfnis, was Anna zu dem Sprung in die Praxisgründung und Expansion verholfen hat – Anna hat eine Mission.

Ihr Weg begann mit einem Psychologiestudium in Bremen und führte über Auslandsaufenthalte in England und Chile schließlich zur Psychotherapieausbildung in Hannover, welche sie in einer beeindrucken kurzen Zeit von 2,5 Jahren absolvierte. Durch ihre gesamte Ausbildungszeit hatte sich ein besonderes Interesse für sexualmedizinische Themen gezogen. So führte ihr Weg schließlich nach Hamburg, da sie von dem Aufbau eines Onlineprogramm für trans*Personen hörte. Anna bewarb sich auf eine Stelle in dem dazugehörigen Projekt, welches eine Kombination aus wissenschaftlicher und therapeutische Tätigkeit versprach, und setzte sich gegen 11 andere Bewerber:innen durch. Sie hatte ihren Traumjob – dachte sie. 

Doch sie musste feststellen, dass die fehlende Wertschätzung und schlechte Bezahlung ihr den Enthusiasmus schnell raubten. So hörte sie schließlich auf ihr Bauchgefühl und kündigte. Es folgte eine Vielzahl von Bewerbungen auf unterschiedliche Tätigkeiten im psychotherapeutischen Angestelltenverhältnis. Doch auch dort zog sich eine Problematik durch: Die Bezahlung war mäßig. „Psychotherapie ist so ein anspruchsvoller Beruf. Die Ausbildung war hart und kaum bezahlt. Jedes Praktikum ist unbezahlt. Das muss doch irgendwann monetär wertgeschätzt werden.“

Aus der Frustration erwuchs die Mission. Anna wollte etwas anders machen – ein Gegenmodell erschaffen mit einer Praxis, die nicht profitgetrieben ist. „Meine Grundsätze sind Fairness, Transparenz und Wertschätzung. Und Wertschätzung ist nun einmal auch monetär. Somit zahle ich ein überdurchschnittliches Gehalt und  habe keine Quote, die meine Mitarbeitenden erfüllen müssen, denn meine Überzeugung ist es, dass man nur dann eine gute Therapeutin sein kann, wenn man auch Zeit hat, sich auf die Stunden vorzubereiten.“

Reingezoomt

Ein Arbeitstag

„Vor der Praxisgründung habe ich viel ausprobiert, um herauszufinden, welches Pensum und welche Verteilung der Therapiestunden über den Tag für mich am besten funktionieren. Optimal war es, wenn ich von 9-12 Uhr und von 15-18 Uhr Patient:innen gesehen habe. Zwischendurch habe ich dann die Therapie nach- und vorbereitet und Pause gemacht. Abends habe ich meist noch eine Stunde Lektüre nachgelesen. Ab und an habe ich den Block am Morgen auch genutzt, um Anträge zu schreiben. Vor der Arbeit war ich oft beim Sport.

Seit der Praxisgründung arbeite ich eigentlich die ganze Zeit. Das ist im ersten Jahr nach der Gründung aber auch normal. Glücklicherweise habe ich es jetzt wieder geschafft, Bewegung in meinen Alltag zu integrieren und gehe 1-2 Mal wöchentlich tanzen.“

"Es muss doch möglich sein, erfolgreich eine große Praxis zu betreiben, ohne Menschen auszubeuten."

Anna Lübberding

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Work-Life-Balance

„Jeder Mensch hat ein ganz individuelles Bedürfnis danach, wie viel Freizeit er braucht und wie er diese Freizeit gestaltet. Ich gehe sehr in meiner Arbeit auf und es macht mir gar nichts aus, am Wochenende ein Fachbuch zu lesen, über Patient:innen zu reden oder etwas für meine Praxis zu planen. Somit brauche ich keine 50:50-Balance. Wenn man jedoch allgemein nicht auf Ausgleich achtet, betreibt man Raubbau.“

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Das Thema Traumberuf

„Ich glaube nicht an den einen Traumberuf. Meiner Meinung nach können Menschen in verschiedenen Szenarien glücklich werden, denn wir haben viele Eigenschaften und Stärken. Manchmal legen wir zu viel Gewicht auf die Idee einer beruflichen Bestimmung, denn neben dem Beruf gibt es auch andere wichtige Säulen: Freunde, Freizeit, Hobbies. Aber ich glaube schon, dass es wichtig ist, eine Sinnhaftigkeit im eigenen Job zu erleben und ich denke, dass man das in jedem Beruf finden kann.“

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Sollte man wissen, wo man in 10 Jahren stehen möchte?

„Nein. Ich weiß nicht einmal, wo ich mich nächstes Jahr sehe. Zwar sollte man sich schon mit seinem allgemeinen Lebensmodell beschäftigen, um eine grobe Richtung zu haben. So mache ich mir schon Gedanken, was ich in meinem Leben noch erleben möchte. Aber ich habe keinen festen Plan und ich habe auch keine Sorge. Oft mache ich es wie Beppo der Straßenkehrer aus meinem Lieblingsbuch Momo: Ich denke nur an den nächsten Schritt.“

"Erfolg bedeutet, etwas zu tun, was mir sonst schwerfällt. Das kann etwas Großes sein wie der Aufbau einer großen Praxis ohne Vorkenntnisse. Das kann aber auch etwas Kleines sein wie morgens mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren."
Anna Lübberding

Psychologische Psychotherapeutin

Der Job

Wie wird man Psychologische Psychotherapeutin?

Um Psychologische Psychotherapeutin zu werden, ist es seit 2020 möglich, ein Direktstudium Psychotherapie zu absolvieren, welches aus einem dreijährigen Bachelor und einem zweijährigen Master besteht und mit einer staatlichen Prüfung abschließt. Damit erhält man die Approbation und kann bereits Patient:innen behandeln. Möchte man aber mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen, ist noch eine anschließende Weiterbildung notwendig.

Wie sind die Verdienstmöglichkeiten?

Wenn man sich bei einem Medizinischen Versorgungszentrum anstellen lässt, verdient man bei einem Stundenumfang von 30 Stunden rund 3300 Euro. Lässt man sich in einer Klinik anstellen, können es 4500 Euro sein. Macht man sich selbstständig mit einer Einzelpraxis, verdient man zwischen 8000 und 10 000 Euro, hat aber auch wesentlich höhere Ausgaben. 

Welche Stressoren bringt Dein Beruf mit sich?

  • Die Herausforderung, eigene Grenzen zu setzen und eigene Bedürfnisse wahrzunehmen. Beides ist wichtig, um eine gute Therapeutin zu sein.
  • Der Umgang mit der Schwere, die das Gegenüber einem entgegenbringt
  • Da man so in Empathie geschult ist, gehen teilweise natürliche Reaktionen etwas verloren. Wenn auf der Straße jemand unfreundlich zu mir ist, reagiere ich meist verständnisvoll. Manchmal fehlt mir diese natürliche Impulsivität.
  • Da man so oft mit Patient:innen in die Tiefe geht, möchte man das in Freundschaften oder Partnerschaften dann nicht mehr. Daher brauche ich persönlich einen aktiven Ausgleich nach Feierabend.
  • Es besteht das Risiko, in Freundschaften auch die Therapeutin / die Kümmernde zu werden. Das gelingt mir persönlich, indem ich mich aktiv mit meinen eigenen Themen in die Freundschaften einbringe.

Welche Glücksmomente gibt es?

  • Wenn meine Kolleginnen äußern, dass sie gerne hier in der Praxis sind
  • Positives Feedback von Patient:innen
  • Wenn man in der Therapie etwas „geknackt“ hat 

Welche Eigenschaften sollte man als Psychotherapeutin haben?

  • Resilienz
  • Hohe Frustrationstoleranz
  • Empathie
  • Wertschätzung
  • Fleiß
  • Abgrenzung

Denkanstöße

Trotz geringem Sicherheitsbedürfnis hatte auch Anna Zweifel vor dem Wagnis der Praxisgründung. „Ich dachte immer, dass ich das alleine nicht kann. Und leider habe ich keine Freunde oder Freundinnen aus dem wirtschaftlichen Bereich – niemanden, der an einem ähnlichen Punkt wie ich war und Lust oder Zeit gehabt hätte, das mit mir zusammen zu machen.“ Ihr Bruder war es schließlich, der ihr den Impuls gab, es doch alleine zu versuchen. Und diese Entscheidung hat sie bis heute niemals bereut. „Ich habe in diesem Jahr die Überzeugung entwickelt, dass ich mit allen Problemen und Widrigkeiten umgehen kann und das ist ein unglaublich beruhigendes Gefühl.“

Um nach diesem strapaziösen Jahr nicht auszubrennen, geht Anna ihren sportlichen Leidenschaften nach: Sie tanzt Salsa und Bachata, geht zum Yoga und begeistert sich für Schwimmen und Triathlon. Gleichzeitig beschäftigt sie sich auch in ihrer Freizeit nach wie vor gerne mit psychologischen Themen oder Persönlichkeitsentwicklung. 

Für mich ist Anna eine auf ganzer Linie inspirierende Person, denn ihre Grundsätze der Transparenz, Wertschätzung und Fairness sind keine leeren Worte, sondern ziehen sich durch jede Interaktion mit ihr. Nicht ohne Grund erhält sie nicht nur als Arbeitgeberin auf kununu, sondern auch als Psychotherapeutin bei Google und ProvenExpert durchweg beste Bewertungen. Ihr Beispiel verdeutlicht für mich die Wichtigkeit der Kombination aus einer klaren Mission und dem Suchen eines Win-Win für alle Beteiligten.  

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