Die Bestatterin

Im Interview

Die Bestatterin

Selina spricht über die Gründung ihres Bestattungsunternehmens und ihren abwechslungsreichen und erfüllenden Arbeitsalltag. Sie beschreibt ihre Herangehensweise an das tabuisierte Thema Tod und erklärt, warum sie ihre Berufung gefunden hat.

Selina Senger

Über Selina

Was Selina in einem Jahr auf die Beine gestellt hat, muss man erstmal nachmachen: Im März 2021 hat sie sich mit ihrem eigenen Bestattungsunternehmen in Oberhausen selbstständig gemacht und einen rasanten Start hingelegt. Derzeit macht sie noch alles selbst, hat keine Mitarbeitenden. Ihr ganzes Herzblut geht in den Aufbau ihrer Firma und sie bezeichnet den Bestatterberuf als ihre Berufung. 

Wie kam die Faszination für einen so ungewöhnlichen Beruf zustande? Mit 16 Jahren wollte Selina eigentlich Eventmanagerin werden. Doch als ihr klar wurde, dass sie dafür ihre Heimatstadt hätte verlassen müssen, entschied sie sich, ein Praktikum bei einem Bestattungsunternehmen zu machen. Denn das seien schließlich auch Events, so Selinas Mutter damals. 

Das Praktikum hat ihr so gut gefallen, dass sie nach dem Abitur die zweijährige Ausbildung zur Bestattungsfachkraft absolviert hat. Ein weiteres Jahr hat sie in einem Bestattungsunternehmen gearbeitet, anschließend hat sie ein Jahr einen Thanatopraktiker begleitet, um ihr Wissen im Bereich der Rekonstruktion und Einbalsamierung Verstorbener zu erweitern. Anschließend fühlte sie sich in jedem Bereich ihres Berufs so sicher, dass sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Mittlerweile kann sie von den Erträgen ihrer Firma leben. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich das Unternehmen so schnell finanziell trägt“, so Selina. 

Reingezoomt

Ein Arbeitstag

„Den typischen Tag gibt es nicht. Jeder Sterbefall, jede Familie ist besonders. Jedes Gespräch und jede Beerdigung ist anders. Ich weiß morgens meist nicht, was den Tag über passieren wird. Außerdem kann ich mir die Arbeitszeiten kaum einteilen. Wenn ich einen Sterbefall bekomme, muss ich schnell handeln.

Ein Sterbefall beginnt immer mit Beratungsgesprächen. Danach folgt die Überführung und Aufbahrung der verstorbenen Person. Danach beginne ich, die Beerdigung zu organisieren. Ich kümmere mich um Pfarrer oder Trauerredner, muss eine Kapelle buchen oder eine Kirche reservieren. Ich muss Blumen und eventuell eine Urne bestellen. Eine Familie betreue ich ca. 6 Wochen. Die Beisetzung findet meist innerhalb von 14 Tagen statt. Komischerweise wollen die Leute eine Beerdigung immer so schnell wie möglich hinter sich bringen, was dazu führt, dass meine Arbeit schnell gehen muss. Ungefähr zwei Wochen nach der Beerdigung melde ich mich nochmal bei den Angehörigen, um über Versicherungsschreiben, die Umstellung der Rente oder Dankeskarten zu sprechen. Die Rechnung verschicke ich nach ca. 6 bis 8 Wochen.  

Viele Angehörige kommen mich seither immer besuchen und mit vielen Familien ist so etwas wie eine Freundschaft entstanden. Es ist so schön, wie viele Menschen man kennenlernt und ins Herz schließt.“

"Erfolg ist für mich die Zufriedenheit der Familien, die zu Weiterempfehlungen führt und schließlich darin resultiert, dass ich immer mehr Familien betreuen darf."

Selina

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Work-Life-Balance

„Durch die frische Selbstständigkeit ist es aktuell etwas schwierig, die Balance zwischen Beruf und Privatleben herzustellen. Mein Privatleben beschränkt sich im Moment auf meine Hobbys und Freunde. Ich spiele seit meiner Kindheit Trompete. Das entspannt mich, wenn ich von der Arbeit geschafft bin. Ich habe auch einen tollen Freundeskreis, mit dem ich viel weggehe. Und die Fernlehrgänge, die ich zur Weiterbildung absolviere, machen mir auch sehr viel Spaß, sodass ich das auch als mein Hobby beurteilen würde. Irgendwann werde ich mir mehr Zeit nehmen (müssen) und ich gehe auch davon aus, dass ich in ein paar Jahren ein paar Mitarbeiter habe, um mir mehr Zeit für mein Privatleben nehmen zu können. Aber aktuell in dieser Phase ist das absolut ok so, wie es gerade ist.“

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Das Thema Traumberuf

„Das Leben ist zu kurz, um einen Job zu machen, auf den man keine Lust hat. Ich glaube, dass es viele Branchen gibt, in denen man seinen Traumberuf finden kann. Man sollte viel ausprobieren, dann findet man immer etwas, das einem Spaß bringt. Insgesamt ist es wichtig, dass man etwas macht, das einen erfüllt.“

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Sollte man wissen, wo man in 10 Jahren stehen möchte?

„Grundsätzlich finde ich es gut, wenn man Pläne hat. Ich habe mir schon als Kind immer Jahrespläne gemacht. Ein Plan bewirkt, dass man sich weiterentwickelt und die kleinen Schritte machen irgendwann die großen Sprünge aus. Auf der anderen Seite weiß niemand, was in 10 Jahren ist. Daher sollte man sich eine gewisse Flexibilität bewahren und vor allem nichts aufschieben, sondern auch im Hier und Jetzt seine Pläne verwirklichen. Mach, was Du machen kannst. Schieb es nicht auf.“

"Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als ich den ersten Verstorbenen gesehen habe. Das war ein komisches Gefühl. Doch Berührungsängste hatte ich nie, denn von Anfang an war es mein Ansatz, den verstorbenen Menschen nochmal etwas Gutes zu tun. Der Anblick ist oft nicht schön, doch ich gebe immer mein Bestes, um die Verstorbenen so herzurichten, dass sich die Angehörigen verabschieden können."
Selina

Bestatterin

Der Job

Wie wird man Bestatterin?

Da ein großer Teil der Bestattungsinstitute seit langem in Familienbesitz ist, werden viele Bestatter in den Beruf hineingeboren. Es gibt eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. In Deutschland gibt es zu diesem Zweck zwei Berufsschulen. Rechtlich gesehen kann jeder als Bestatter tätig werden, der über einen Gewerbeschein verfügt. Die Ausbildung empfiehlt sich aber, da die Anforderungen nicht zu unterschätzen sind. 

Wie sind die Verdienstmöglichkeiten?

Im Angestelltenbereich gibt es keine Tarifverträge. Es gibt auch keine Gewerkschaft. Man hat als Angestellte freie Verhandlungsbasis. Der Bestatterverband gibt vor, dass frisch ausgebildete Bestattungsfachkräfte zwischen 1800 und 2200 Euro brutto verdienen sollten. In der Ausbildung habe ich im zweiten Jahr 400 Euro brutto, im dritten Jahr 500 Euro brutto bekommen.

Selbstständig oder angestellt?

Mir ist in der Ausbildung relativ schnell klar geworden, dass ich mich selbstständig machen muss, weil der Job mich sonst kaputt gemacht hätte. Denn als ich noch im Angestelltenverhältnis gearbeitet habe, hatte ich keine Zeit und keinen Raum, um auf die Kunden wirklich einzugehen. Mittlerweile ist es so, dass selbst wenn sich die Kunden nur unsicher wegen der Blumen sind, ich auf eine Tasse Kaffee vorbeikomme, um darüber zu sprechen. Oftmals sind die Hinterbliebenen ganz alleine und da ermöglicht mir die Selbstständigkeit nun viel mehr Flexibilität beim Eingehen auf die Kunden.

Welche Stressoren bringt Dein Beruf mit sich?

Stressig wird es, wenn ganz viel Arbeit auf einmal kommt. Man will allen gleichermaßen gerecht werden. Wenn ich dann fünf Fälle gleichzeitig habe, erfordert das sehr viel Koordination. Man hat sehr wenig Planungssicherheit in meinem Beruf. 

Auch für Freunde und Familie ist es manchmal etwas schwierig, wenn ich dann einen Geburtstag absagen muss, weil ein Sterbefall dazwischen kommt. Wenn jemand zuhause verstirbt, wollen die Angehörigen, dass die Person so schnell wie möglich abgeholt wird. Dann muss man auch nachts raus. Zwar arbeite ich auch mit einem professionellen Überführungsdienst zusammen, welcher die Überführungen für mich übernehmen kann. Ich versuche aber, bei Haussterbefällen persönlich anwesend zu sein. Das baut Vertrauen und Sicherheit auf.

Welche Glücksmomente gibt es?

Die Dankbarkeit der Angehörigen, wenn alles überstanden ist. Wenn sie sich gut beraten und gut bei mir aufgehoben gefühlt haben. 

Welche Eigenschaften sollte man als Bestatterin haben?

  • Empathie
  • Dickes Fell: Man sollte die negativen Emotionen der Angehörigen nicht persönlich nehmen
  • Man sollte Ruhe ausstrahlen
  • Kontaktfreudigkeit: Man sollte auf Menschen zugehen können.
  • Gesprächskompetenz: Man sollte Gespräche aktiv leiten können.
  • Organisationstalent
  • Kreativität
  • Einfallsreichtum

Denkanstöße

Selina zeichnet das Bild eines unglaublich vielseitigen und kontaktintensiven Berufes. Kein Tag ist wie der andere, ständig ist sie an anderen Orten – mal im Krankenhaus, mal im Hospiz, bei den Angehörigen, im Büro oder auf dem Friedhof. 

Außerdem ist der Beruf, der sich mit dem Tod beschäftigt, vermutlich der Beruf, in dem man am meisten über das Leben lernt: „Früher habe ich mich unglaublich schnell über Menschen aufgeregt – das ist gar nicht mehr so, seit ich Bestatterin bin. Das Leben ist zu kurz für Streit. Gerade weil ich nicht nur Sterbefälle von alten Leuten habe, sondern oft auch Unfälle oder andere plötzliche Sterbefälle von jungen Menschen dabei sind, ist mir klargeworden, dass das Leben viel zu kurz ist, um sich aufzuregen. Mir ist außerdem extrem wichtig, nie mit Menschen im Streit auseinanderzugehen.“

Für die Zukunft wünscht sich Selina noch ein oder zwei weitere Lokale in der Nähe. Außerdem stellt sie sich ein Trauerzentrum bzw. Trauerhaus mit Räumen zur Gestaltung individueller Trauerfeiern, Abschiedsräumen und einem Trauercafé als Ort der Begegnung vor. Die Idee, deutschlandweit zu expandieren und hunderte Filialen zu betreuen, reizt sie nicht, denn die persönliche, fast familiäre Betreuung, die zu ihrem Markenzeichen geworden ist, möchte sie unbedingt beibehalten. 

Es hat mich unglaublich inspiriert, mit Selina zu sprechen, denn sie geht an das tabuisierte Thema Tod mit einer selbstverständlichen und pragmatischen, humorvollen Einstellung heran. Sie ist eine Person, der man vom ersten Moment an zutraut, Menschen in Extremsituationen zu begleiten. Nicht umsonst gibt es einen Satz, den sie immer wieder nach getaner Arbeit von den Angehörigen der Verstorbenen hört: „Wir hätten es nicht gedacht, aber es war eine schrecklich schöne Beerdigung.“

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Kennst Du schon das Interview mit der Innenarchitektin Lena-Marie? Auch Lena-Marie hat sich gegen das Angestelltenverhältnis und für die Selbstständigkeit entschieden. 

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