Reisen mit Neurodivergenz: Erholung oder Stress?
Ergebnisse einer Umfrage
Reisen & Neurodivergenz
Urlaub gilt für viele Menschen als Synonym für Erholung und Abschalten. Reisen mit Neurodivergenz – etwa mit ADHS oder Autismus – ist jedoch häufig ambivalent: Er kann gleichzeitig wohltuend und überfordernd sein.
Um besser zu verstehen, warum das so ist, habe ich auf Instagram eine Umfrage unter 300 neurodivergenten Menschen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen sehr deutlich, unter welchen Bedingungen Reisen als erholsam erlebt wird und wann es in Stress kippt.
Ist Reisen mit Neurodivergenz Erholung oder Stress?
Auf die Frage „Ist Reisen mit Neurodivergenz eher Erholung oder Stress?“ antworteten die Teilnehmenden wie folgt:
56 %: beides gleichzeitig
19 %: kommt darauf an
13 %: eher Stress
12 %: eher Erholung
Das Ergebnis macht deutlich: Reisen mit Neurodivergenz scheint nicht per se erholend zu sein, sondern stark abhängig von den Rahmenbedingungen. Urlaub kann entlasten oder überfordern.
Wovon hängt es ab, ob Reisen mit Neurodivergenz als erholsam erlebt wird?
In einer offenen Frage beschrieben die Teilnehmenden, worauf sie beim Reisen besonders achten. Die Antworten ähnelten sich stark und lassen sich in zentrale Themenbereiche einteilen.
Planung und Vorhersagbarkeit
Viele neurodivergente Menschen betonen, wie wichtig es ist, vorab zu wissen:
- wie Tage ungefähr ablaufen könnten
- welche Optionen es gibt
- wie An- und Abreise organisiert sind
Gleichzeitig wünschen sie sich:
- nicht zu viel Programm
- keine festen Termine
- keine Verpflichtungen
Planung schafft also Sicherheit & Freiheit entsteht innerhalb dieser Sicherheit.
Rückzug, Ruhe und Reizarmut
Ein zentrales Bedürfnis scheint die Möglichkeit zum Rückzug zu sein („Ruhe“, „Stille“, „wenig Menschen“, „Reizarmut“). Besonders wichtig sind:
- ein eigener Raum
- wenige Ortswechsel
- Privatsphäre
Erholung entsteht also beim Reisen mit Neurodivergenz durch eine Reduktion von Reizen.
Die Wichtigkeit der richtigen Unterkunft
Auffällig häufig wurde die Unterkunft genannt, deutlich häufiger als Sehenswürdigkeiten oder Aktivitäten!
Wichtig sind:
- Sauberkeit und Gemütlichkeit
- ausreichend Platz
- eigene Küche oder eigenes Bad
- kleine Hotels oder Ferienhäuser
- bekannte Unterkünfte
Viele Menschen mit Neurodivergenz reisen bewusst immer wieder an denselben Ort, weil Vertrautheit Sicherheit gibt. Die Unterkunft fungiert als stabiler Rückzugsort, von dem aus alles andere reguliert wird.
An- und Abreise: ein unterschätzter Stressfaktor
Die Reise selbst ist für viele neurodivergente Menschen besonders belastend:
- lieber Zug als Flug
- lieber Non-Stop als Umsteigen
- kurze, unkomplizierte Anreise
- Puffer zum Ankommen
Das bedeutet, dass neurodivergente Menschen mehr als neurotypische Menschen den Fokus auf die An- und Abreise selbst legen sollten.
Wie sieht Reisen mit Neurodivergenz idealerweise aus?
In einer weiteren Frage beschrieben die Teilnehmenden ihren idealen Urlaub. Die Antworten waren erstaunlich konsistent.
Der ideale Urlaub ist ruhig, naturnah, reizarm, gut vorbereitet und innerhalb dieser Vorbereitung frei gestaltbar. Ein Satz bringt viele Antworten auf den Punkt:
Erholung entsteht dort, wo ich nichts erklären, nichts kompensieren und nichts aushalten muss.
Dan Bird erhielt seine Autismusdiagnose im Alter von 27 Jahren. Plötzlich ergaben viele Herausforderungen seines bisherigen Lebens einen Sinn: Schwierigkeiten im Alltag, aber auch auf Reisen – einer seiner größten Leidenschaften.
Seit der Diagnose gestaltet er seine Reisen bewusster und passt sie an seine individuellen Bedürfnisse an. Gleichzeitig hat er gelernt, seine autistischen Stärken gezielt zu nutzen, um seine Auslandserfahrungen intensiver, stimmiger und persönlicher zu gestalten.
Mit Go Neuro Way möchte er andere autistische Menschen, Angehörige neurodivergenter Personen und alle Reiseliebhaber:innen ermutigen und mit hilfreichen Impulsen beim Reisen mit Neurodivergenz unterstützen.
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Dr. Rosalie Weigand
Psychologische Psychotherapeutin
Paartherapeutin
Derzeit praktizierend in
Rothenbaumchaussee 26
20148 Hamburg
Kontakt
therapie@rosalieweigand.de
Was belastet Dich in der Depression am meisten?
„Die Antriebslosigkeit. Morgens schon nicht zu wissen, wie man den Tag überstehen soll. Aufstehen, Duschen, fertigmachen. Danach könnte man sich direkt wieder ins Bett verkriechen.“
„Das Eingeständnis, dass ich nicht mehr so funktioniere, wie ich das von mir gewohnt bin. Dass ich nicht aus dem Bett kam, mich nicht konzentrieren konnte, in meinem Alltag nichts „geschafft“ habe und vor allem, dass auch Menschen aus meinem Umfeld kein Verständnis dafür hatten, dass es mir so ging wie es mir ging und ich mich nicht einfach nur „anstelle“.“
„Suizidalität. Das Gefühl eines dichten, grauen Nebels um mich, der mich von allem um mich herum abschneidet.
Hoffnungslosigkeit. Extreme Erschöpfung & Antriebslosigkeit
Das Gefühl, selbst nicht zu verstehen und dadurch auch anderen nicht erklären zu können, was eigentlich los ist/wie es mir geht
Nie zu wissen, wann es wieder „kippt“ und wozu ich dann noch in der Lage bin „
„Keine Kraft zu haben. Daran zu glauben/denken, dass es irgendwann vorbei sein wird und mir es wieder besser/normal geht. Das vor anderen verstecken zu müssen/wollen.“
Woran merkt man, dass man Hilfe braucht?
„Eigentlich merkt man es schon daran, wenn es einem über einen längeren Zeitraum nicht gut geht und der Alltag zur Qual wird. Da aber viele dazu neigen, weiterzumachen, bis gar nichts mehr geht, merkt man es spätestens beim Zusammenbruch.“
„Eines Morgens bin ich aufgewacht und musste weinen bei der Vorstellung zur Arbeit zu gehen. Ich dachte, „ich schaffe das nicht“. Da war es auf einmal klar.“
„Also ich habe erst gemerkt, dass ich Hilfe brauchte, als die ersten Symptome die ich so ignoriert habe immer schlimmer wurden und ich nicht mehr ganz alleine durch den Alltag kam.“
„Wenn man schon überlegt, ob man Hilfe braucht, sollte man sich auf die Suche machen. Je eher, desto besser.
Ansonsten sollte man sich Hilfe suchen, wenn man Veränderungen an sich – im Denken, Fühlen, Verhalten – feststellt, die man selbst nicht mehr unter Kontrolle hat/die einen belasten.“
„Wenn man für längere Zeit antriebslos ist und nicht weiß wie man aus dem Loch rauskommt.“
Wie schafft man es, Hilfe anzunehmen?
„Ich glaube, wenn es einem schlecht genug geht, dann hat man irgendwann keine andere Wahl mehr …“
„Das konnte ich vorher schon gut und auch jetzt war das unproblematisch, zumal ich ein sehr unterstützendes Umfeld habe.“
„Das war ein sehr langer Prozess. Ab und an habe ich immer noch so einen Dickkopf und meine ich kriege alles alleine hin, aber irgendwann sieht die Vernunft und ich merke wieder, dass es nicht alleine funktioniert und dann geht’s weiter und im Notfall halt mit professioneller Hilfe. Ab und an ist es auch ganz „heilsam“ wenn ich von meiner Therapeutin wachgerüttelt werde…“
„Sich bewusst machen, was es (langfristig) bedeutet, wenn man keine Hilfe annimmt und dass man es wert ist, Hilfe zu bekommen. Vielleicht hilft es auch erstmal, sich zu denken, dass man es für jemand anderen macht, der einem wichtig ist (Eltern, Freund*in…), bis man es für sich selbst machen kann. Und wenn möglich, jemanden bitten, bei der Suche nach professioneller Hilfe zu unterstützen. Alleine hätte ich das nicht geschafft.“
„Ich glaube meine Antwort ist nicht repräsentativ, weil ich es nie als Schwäche empfunden habe, Hilfe anzunehmen. Im Gegenteil- das ist eine Stärke.“
Was hat Dir am meisten geholfen, wieder aus der Depression rauszukommen?
„Im Endeffekt hilft man sich am meisten selbst. Speziell bei der Therapie hat man da seinen Bergführer, aber laufen muss man schon selbst. Geholfen hat aber die Gewissheit, dass da jemand ist.“
„Der Ansatz meiner Therapeutin, dass die Depression keine „Krankheit“ ist, sondern die natürliche Reaktion einer gesunden Psyche – ein Impuls, der mich wieder zurück in Balance bringen kann, wenn ich ihm folge. Parallel zur Psychotherapie habe ich eine Yogalehrerausbildung und ein paar mehrtägige Schweigemeditations-Retreats gemacht. Das hat mich sehr bei der Reise unterstützt.
Bei der Arbeit und in meinem sonstigen Umfeld offen darüber zu sprechen, wie es mir gerade geht und was die Depression mit mir macht, hat viel Druck von mir genommen und gleichzeitig das Verständnis erhöht.“
„Am meisten geholfen, haben mir tatsächlich die stationären Aufenthalte und jetzt im Nachhinein die ambulante Psychotherapie, in der ich jede Woche an meinen Themen und Zielen arbeiten kann.“
„Raus bin ich noch nicht, aber mir hilft bisher:
- Regelmäßige ambulante Therapie bei einer Therapeutin, der ich vertraue und bei der ich mich wohlfühle.
- Stationäre Aufenthalte in der Psychosomatik und im Notfall in der Psychiatrie
- Verschiedene Medikamente (ein bisschen)
- Gute Freund*innen, mein Bruder und andere tolle Menschen, die für mich da sind
- Tanzen, Singen
- Studium (Struktur)
- Offene Kommunikation meiner Krankheit, bei Leuten, mit denen ich viel zu tun habe.“
„Meine Therapeutin, liebe Menschen um mich herum, die Verständnis und viel Unterstützung gezeigt haben. Meine Chefin/Arbeitgeber, die es mir ermöglicht hat, genug Zeit und Flexibilität zum Heilen einzurichten.“
Wie hast Du es geschafft, wieder Gefühle wie Liebe zu empfinden?
„Indem man alle Gefühle da sein lässt. Die guten, wie die schlechten. Solange man die schlechten möglichst unterdrücken oder ignorieren möchte, sind auch die guten nicht wirklich zugänglich.“
„Achtsamkeitsübungen haben mir dabei geholfen, die sorgenvollen Gedanken zu durchbrechen und Freude über all die vermeintlichen Kleinigkeiten, die jetzt gerade da sind zu entwickeln. Eine handvoll LSD-Trips war ebenfalls sehr hilfreich und katalysierend.“
„Das ist schwierig, aber auf jeden Fall nicht aufgeben! Und mir hilft es gerade, zu merken, dass ich Gefühle zwar momentan nicht fühle, aber trotzdem kognitiv weiß, dass sie da sind. Dass ich mich zum Beispiel gerade eigentlich freuen würde, es aber halt nicht fühle. Das ist oft auch frustrierend, aber ich glaube, das Wichtigste ist echt, nicht aufzugeben.“
Wie schafft man es, die Depression zu akzeptieren?
„Radikale Akzeptanz. Wenn ich die ganze Zeit dagegen ankämpfe, verpulvere ich ja nur meine Energie. Da kann ich es doch lieber versuchen anzunehmen und das Beste draus zu machen. Jedes „handicap“ kann auch eine Stärke sein.“
„Mir hat die Erkenntnis geholfen, dass ich ziemlich lange ein Leben gelebt habe, in dem ich vor allem über Leistung versucht habe, Anerkennung zu erhalten und meinen Selbstwert zu erhöhen und das damit einhergehende Leid durch Sport-, Substanz und Sexkonsum zu überspielen. Die Depression sehe ich als ein starkes Signal meines Inneren, um mein Leben zu ändern und mich davon zu befreien, Anerkennung im Außen zu suchen und die unangenehmen Gefühle wie Wut und Trauer als wichtige Informationen über mich selbst da sein zu lassen.“
„Bei mir war das so, dass ich meiner Erkrankung und teilweise auch einzelnen Symptomen irgendwann einfach Namen gegeben habe, und das hat das Ganze etwas einfacher gemacht. Dann konnte man wenigstens sagen „Heidrun ist wieder da (Traurigkeit z.B.) und dann durfte die halt auch mal ab und zu ein bisschen da sein, mit mir einen Kaffee trinken oder ein Stück Kuchen essen. Dann durfte sie aber auch die Wohnung wieder verlassen und wir haben uns ein andermal „wiedergesehen“.“
„Sich klar machen, dass akzeptieren nicht aufgeben bedeutet. Ich darf die Depression trotzdem noch scheiße finden und nervig und furchtbar, aber ich versuche trotzdem irgendwie zu leben, ohne ihr so viel Raum zu geben, indem ich die ganze Zeit verbissen gegen sie ankämpfe. Und ich weiß, dass es eine Erkrankung ist, ja, meine Erkrankung, aber ich bin nicht diese Erkrankung. Sie ist nicht das, was mich ausmacht.“
„Das ist eine Erkrankung wie jede andere, die man sich nicht aussucht oder die einen nicht trifft, weil man etwas falsch gemacht hat (nicht immer zumindest). Die Erkrankung soll auch wie jede andere tödliche Erkrankung behandelt werden!!“
Welche Unterstützung bekommt man in einer Klinik?
„Ich selbst war nur zur Krisenintervention in einer Klinik und hab einen anderen Aufenthalt nach drei Tagen abgebrochen.
Dennoch: Man bekommt Halt, Sicherheit und Struktur. Es ist immer jemand da, an den man sich wenden kann (auch Bezugspflege oder so), geregelter Tagesablauf, geregelte Mahlzeiten, etc.“
„Unterstützung bekommt man auf jeden Fall in den gut durchstrukturierten Tagesabläufen. Auf der Station, auf der ich war, war jeden Morgen ausnahmslos eine Morgenrunde, an der alle Patienten und Patientinnen teilnehmen mussten. Das hat auf jeden Fall sehr viel Halt gegeben. Weiterhin waren natürlich auch die Gruppenangebote wie Ergotherapie oder Gesprächsgruppen ein ganz wichtiger Punkt, in denen man merkte: Man ist nicht alleine. Zuletzt fand ich es auch immer ganz hilfreich, dass es so gut wie immer jemanden gab, den man ansprechen konnte und auch zeitnahes Feedback vom Personal.“
„Grundsätzlich: Einzeltherapie, Gruppentherapie, Arztgespräche, Medikamenteneinstellung, Psychoedukation, Bewegungs-/Sport-/Gestaltungs-/Musiktherapie, Achtsamkeitstraining, Autogenes Training/PME.
Neben den ganzen „Terminen“ war für mich aber vor allem hilfreich:
- Eine feste Tagesstruktur (auch was Essen & Schlafen/Aufstehen angeht),
- Kontakt & Austausch mit Mitpatient*innen (da sind sehr wertvolle Freundschaften entstanden, die auch nach Jahren noch bestehen),
- Die Möglichkeit, rund um die Uhr nach Hilfe zu fragen (und damit auch keine „Ausreden“ mehr, es nicht zu tun),
- Abstand zum Alltag und den damit einhergehenden Verpflichtungen“
Was würde Dir jetzt eine kleine Freude machen?
„Ein Lächeln.“
„Eine Umarmung.“
„Einfach mal nur atmen, all den Stress des Alltags vergessen und die Zweisamkeit mit meinem Pferd genießen.“
„Die Umarmung einer guten Freundin. Alleine Musik hören und singen.“
„Ich trinke gerade einen Kaffee und schaue ins Grüne. Das macht mir gerade Freude 🙂 Und Freude macht mir auch, wenn ich mit meinen Worten jemanden Mut machen kann, der gerade Hilfe braucht aber noch nicht so weit ist.“
Wenn auch Du mit depressiven Symptomen zu kämpfen hast, ist es wichtig, dass Du Dir frühzeitig Hilfe suchst. Du musst nicht alleine damit fertigwerden. Oft ist ein wichtiger erster Schritt, mit einer vertrauenswürdigen Person darüber zu sprechen, sei es ein Freund/eine Freundin, ein Familienmitglied.
- Unter 116 117 bekommst Du als kassenärztlich versicherte Person innerhalb von 2 Wochen einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt. So erhältst Du eine erste Einschätzung. Auf die Therapie musst Du meist länger warten.
- Als privatversicherte Person kannst Du private Psychotherapiepraxen kontaktieren. Meist sind dort relativ kurzfristig Termine möglich.
- Auch als gesetzlich versicherte Person kannst Du Wartezeiten durch einige Stunden bei einer privaten Psychtherapiepraxis überbrücken. Kontaktiere dazu gerne die Praxis und erfrage die Möglichkeiten.
- Wenn Du in einer akuten Krise bist, wende Dich bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder wähle den Notruf unter 112. Auch die Telefonseelsorge erreichst Du rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222.
Dr. Rosalie Weigand
Psychologische Psychotherapeutin
Verhaltenstherapie
Derzeit praktizierend in
Hohenesch 79
22765 Hamburg
Kontakt
weigand.therapie@mail.de
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