Autismus im Erwachsenenalter: Warum wir in der Diagnostik mutiger werden müssen
Neue Entwicklungen
Mehr Mut in der Diagnostik von Autismus!
Ein aktueller Fachartikel macht Mut, diagnostische Prozesse weiterzuentwickeln – und damit einen wichtigen Beitrag zur Versorgung einer lange übersehenen Patient*innengruppe zu leisten. Mit diesem Blogartikel fasse ich den Fachartikel aus dem Psychotherapeutenjournal 4/2025 zusammen und gebe Tipps für die Umsetzung in der Diagnostik von Autismus im Erwachsenenalter.
Autismusdiagnosen im Erwachsenenalter stehen aktuell an einem Wendepunkt. Neue diagnostische Kriterien, ein wachsendes Bewusstsein für Neurodiversität und nicht zuletzt die Erfahrungen vieler Betroffener machen deutlich: Eine grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber Diagnosenwünschen ist heute nicht mehr angemessen.
Der aktuelle Fachartikel im Psychotherapeutenjournal (4/2025) ermutigt, diagnostische Prozesse weiterzuentwickeln – und damit einen wichtigen Beitrag zur Versorgung einer lange übersehenen Patient*innengruppe zu leisten.
Besonders gefährdet, nicht diagnostiziert zu werden, sind Personen mit weniger sichtbaren, aber dennoch klinisch relevanten Formen von Autismus. Viele dieser Menschen haben gelernt, ihre autistischen Merkmale bewusst oder unbewusst zu kompensieren. Dieses sogenannte Maskieren führt dazu, dass Symptome im klinischen Kontakt weniger auffallen – nicht jedoch, dass sie weniger belastend sind.
Die Folge: Kein Zugang zu passenden Hilfen, oft jahrelange psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlungen mit unspezifischen oder wechselnden Diagnosen und das anhaltende Gefühl, nicht richtig zu funktionieren.
Mit der ICD-11 wurden entscheidende Neuerungen eingeführt:
Sensorische Besonderheiten sind nun explizit als diagnostisches Kriterium integriert.
ADHS kann komorbid diagnostiziert werden, was in früheren Klassifikationen ausgeschlossen war.
Das Phänomen der Maskierung findet erstmals explizite Berücksichtigung – ebenso im DSM-5.
Damit wird anerkannt, dass autistische Symptome nicht immer offen sichtbar sind, sondern kontextabhängig variieren können. Gleichzeitig werden diagnostische Prozesse individueller – und damit komplexer.
Diese Entwicklung bringt Spannungsfelder mit sich:
Je individueller Diagnostik wird, desto schwieriger werden standardisierte und klar nachvollziehbare Entscheidungen. Das Risiko falsch-positiver Diagnosen steigt. Gerade bei diagnostisch unklaren Fällen wird daher eine Orientierung an der strukturierten Systematik des DSM-5 als sinnvoll erachtet – nicht zuletzt, weil die ICD-11 keine Mindestanzahl an Kriterien mehr vorgibt.
Hinzu kommt eine praktische Besonderheit: Für die Abrechnung ist aktuell weiterhin eine ICD-10-Diagnose notwendig, was formal zur Diagnose Asperger-Syndrom führen kann – trotz inhaltlich moderner diagnostischer Einordnung.
Der neurodiversitätsorientierte Ansatz gewinnt zunehmend an Bedeutung in Wissenschaft und Praxis. Neurologische Unterschiede werden hier nicht primär als Defizite, sondern als natürliche Varianten menschlicher Kognition verstanden.
Autistische Menschen zeigen häufig:
erhöhten Detailfokus
Direktheit in der Kommunikation
systematisches Denken
Einschränkungen entstehen dabei weniger durch die Neurodivergenz selbst, sondern durch Umweltfaktoren – etwa sensorische Überforderung oder nicht barrierefrei gestaltete soziale und berufliche Kontexte.
Der diagnostische Prozess beginnt in der Regel mit einem Screening, das eine ausführliche Anamnese umfasst:
soziale Interaktion, Kommunikation und Verhaltensbesonderheiten
Bildungs- und Berufsverlauf
soziale Beziehungen
medizinische und psychotherapeutische Vorgeschichte
bisherige Behandlungs- und Unterstützungsangebote
familiäre Diagnosen
Typisch sind biografische Brüche, soziale Anpassungsschwierigkeiten und eine lange, oft als wenig hilfreich erlebte Behandlungsgeschichte.
Als Screeningfragebögen eignen sich u. a. der Autism Spectrum Quotient (AQ), Fragebogen zur sozialen Kommunikation (FSK) und die Skala zur Erfassung sozialer Reaktivität (SRS).
Neben standardisierten Verfahren ist der klinische Eindruck unverzichtbar. Häufig zeigen sich Hinweise im diagnostischen Prozess selbst:
Wunsch nach schriftlicher Kommunikation (z. B. ausführliche E-Mails zur besseren Strukturierung)
starker Fokus auf Details
Schwierigkeiten, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen
verzögertes Verarbeiten sozialer Situationen
eingeschränkte sprachliche Verfügbarkeit unter hohem Arousal
Standardisierte Instrumente wie ADOS-2 oder ADI-R können hilfreich sein, sind im Erwachsenenalter jedoch nicht zwingend erforderlich. Unverzichtbar bleiben eine fundierte Fremdanamnese und eine strukturierte Verhaltensbeobachtung.
Besonders aufschlussreich sind niedrigschwellige, informelle Situationen:
das Angebot, gemeinsam eine Tasse Tee zuzubereiten
beiläufige Gesprächsangebote während Wartezeiten
kurze persönliche Anekdoten und die Reaktion darauf
Beobachtet werden können dabei nonverbale Kommunikation, Interaktionsgestaltung, Beziehungserleben sowie motorische Aspekte – etwa Unsicherheiten im Gang, Orientierungsschwierigkeiten oder ein atypischer Umgang mit neuen Situationen, z. B. auf dem Weg vom Eingang in den Praxisraum.
Die Diagnostik von Autismus erfordert eine hohe Fachlichkeit, Struktur, Reflexion, aber eben auch Mut.
Mut, autistische Erscheinungsformen jenseits klassischer Bilder wahrzunehmen.
Mut, Diagnosewünsche nicht reflexhaft zu hinterfragen, sondern differenziert zu prüfen.
Mut, sich nicht einer Reaktanz gegen eine als „Modebewegung“ oder „Trendwende“ wahrgenommenen Entwicklung hinzugeben.
Mut, sich weiterzubilden.
Und Mut, damit einen echten Beitrag zur Versorgung einer lange übersehenen Patient*innengruppe zu leisten.
Dr. Rosalie Weigand
Psychologische Psychotherapeutin
Verhaltenstherapie
Paartherapie
Derzeit praktizierend in
Rothenbaumchaussee 26
20148 Hamburg
Kontakt
therapie@rosalieweigand.de
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