AuDHS: Gibt es das – oder ist das nur ein Trendbegriff?
Neurodivergenz
AuDHS: Ein Trendbegriff?
Gibt es AuDHS – die Kombination aus ADHS und Autismus – wirklich?
Warum taucht „AuDHS“ plötzlich überall auf?
„AuDHS“ ist ein Kofferwort aus Autismus und ADHS – und es begegnet einem derzeit oft: in Selbsthilfeforen, auf Social Media, zunehmend auch in psychoedukativen Kontexten. Das löst bei manchen Erleichterung aus („Endlich passt es zusammen“), bei anderen Skepsis („Ist das ein neues Label, das alles erklärt?“).
Die entscheidende Frage ist: Gibt es die Kombination aus ADHS und Autismus wirklich – wissenschaftlich und diagnostisch – oder ist AuDHS nur ein Internetbegriff?
Die Forschungslage ist ziemlich klar: Ja, das gemeinsame Auftreten ist häufig – und es gibt gute Gründe, warum sich diese Profile so oft überschneiden.
Warum ist der Begriff "AuDHS" trotzdem heikel?
„AuDHS“ ist keine offizielle Diagnose in ICD oder DSM. Es ist ein Community-Begriff, der ausdrückt: „Bei mir treffen ADHS und Autismus zusammen.“
Das kann hilfreich sein, weil es eine erlebte Realität benennt, die viele lange nicht einordnen konnten. Gleichzeitig ist der Begriff heikel, wenn er suggeriert, AuDHS sei eine eigene Störung mit festen Kriterien. Klinisch bleibt es dabei:
ADHS und Autismus sind eigenständige Diagnosen (neuroentwicklungsbezogen).
„AuDHS“ beschreibt die Komorbidität bzw. Ko-Existenz beider Profile.
Was bedeutet Komorbidität bei Neurodivergenz?
Komorbidität heißt: Zwei Diagnosen treten bei einer Person gleichzeitig oder im Verlauf gemeinsam auf. Das ist bei psychischen Störungsbildern generell häufig – und bei neuroentwicklungsbezogenen Diagnosen ebenfalls.
Wichtig: Komorbidität bedeutet nicht nicht „doppelt so krank“. Sie bedeutet geteilte Risikofaktoren, überlappende Mechanismen oder wechselseitige Verstärkung im Alltag.
Was sagt die Forschung zur Häufigkeit?
Eine große Meta-Analyse (63 Studien; Publikationszeitraum 2000–2020) hat genau diese Frage systematisch ausgewertet: Wie häufig tritt ADHS bei Menschen im Autismus-Spektrum aktuell und über die Lebenszeit auf?
Aktuelle Prävalenz von ADHS bei Autismus: 38,5 %
Lebenszeitprävalenz: 40,2 %
Das heißt übersetzt: Etwa 4 von 10 autistischen Personen erfüllen irgendwann im Leben Kriterien für ADHS.
Warum überschneiden sich ADHS & Autismus so oft?
Hier hilft ein Blick auf eine zweite, sehr große Forschungslinie: psychiatrische Genetik. Eine internationale Studie des Psychiatric Genomics Consortium (PGC) analysierte genetische Daten von über sechs Millionen Menschen und zeigt, dass viele psychische Diagnosen genetisch nicht sauber getrennt sind, sondern sich in überlappenden „Familien“ gruppieren – darunter eine neuroentwicklungsbezogene Gruppe, in der ADHS und Autismus gemeinsam verortet werden.
Das bedeutet: Wenn ADHS und Autismus gemeinsam auftreten, ist das biologisch/genetisch plausibel.
Warum AuDHS besonders herausfordern kann
Viele erleben AuDHS nicht als „ADHS plus Autismus“, sondern als ein Profil mit Spannungen:
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ADHS bedeutet Reizsuche, spontane Wechsel, Impulsivität und Dopamin-getriebene Motivation.
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Autismus bedeutet eher Reizempfindlichkeit, Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit, klare Strukturen und Schutz vor Überforderung.
Wenn beides zusammenkommt, kann sich das so anfühlen:
Innerer Zug nach Stimulation bei gleichzeitig niedriger Toleranz für zu viel Input.
Das kann erklären, warum manche Menschen gleichzeitig unterfordert und überfordert sind, warum Routinen helfen und trotzdem schwer aufrechtzuerhalten sind, oder warum soziale Situationen gleichzeitig gesucht und gemieden werden.
Diagnostik: Warum AuDHS oft spät erkannt wird
Dass die Kombination häufig ist, heißt nicht, dass sie leicht zu erkennen ist. Gründe für späte oder wechselnde Diagnosen:
Symptomüberlappung: Konzentrationsprobleme, soziale Erschöpfung, Probleme mit den Exekutivfunktionen, Reizüberlastung können in beiden Profilen vorkommen, aber aus unterschiedlichen Gründen.
Maskierung: Besonders bei Menschen, die sich früh stark angepasst haben, wirken Autismus-Merkmale lange unsichtbar.
Diagnostische Tradition: Früher waren Doppel-Diagnosen teilweise eingeschränkt oder wurden seltener vergeben; inzwischen ist die Co-Diagnose stärker im klinischen Denken verankert. (Auch die Meta-Analyse zeigt höhere Raten in DSM-5-orientierten Studien.)
Was AuDHS NICHT ist!
Bei der Nutzung des AuDHS-Begriffs sind zwei Klarstellungen hilfreich:
AuDHS ist kein Modebegriff, wenn damit die Kombination zweier Diagnosen beschrieben wird.
AuDHS ist keine neue Einheitsdiagnose – es bleibt die Kombination zweier Profile.
Was bedeutet das für Behandlung/Unterstützung?
Die wichtigste Entlastung aus der Forschung ist: Die Kombination aus ADHS und Autismus ist häufig und gut belegt.
Für Unterstützung bedeutet das konkret: Wegzukommen von einem „Entweder-oder“- Denken, sondern beides berücksichtigen. Praktisch kann das bedeuten, dass Strategien für ADHS (z. B. Dopamin-Management, körperliche Aktivierung) gleichzeitig reiz- und stresssensibel umgesetzt werden müssen.
FAZIT
AuDHS ist kein offizieller Diagnosebegriff, aber die Kombination aus ADHS und Autismus ist wissenschaftlich gut belegt und häufig. Meta-analytisch zeigt sich, dass etwa 40 % autistischer Menschen im Leben auch ADHS-Kriterien erfüllen. Genetische Großstudien stützen zusätzlich, dass ADHS und Autismus in einer neuroentwicklungsbezogenen „Familie“ überlappender Risiken liegen.
Dr. Rosalie Weigand
Psychologische Psychotherapeutin
Verhaltenstherapie
Paartherapie
Derzeit praktizierend in
Rothenbaumchaussee 26
20148 Hamburg
Kontakt
therapie@rosalieweigand.de